Tiefstand der Deutschen Arbeitslosigkeit

von Ulrike Trebesius im Europa Journal, Ausgabe Oktober 2016

 

Die Arbeitslosigkeit in Deutsch­land ist auf historischen Tiefstständen, während die Arbeitslosigkeit insbesondere im Süden Europas immer noch auf sehr hohem Niveau liegt und nur wenig sinkt. Ist es aber wirklich der guten Politik Deutsch­lands zu verdanken und machen die Südeuropäer einfach nur schlechte Politik? Sind letztere zumindest auf dem richtigen Weg?

 

Arbeitslosigkeit in Südeuropa

In Südeuropa gibt es insbesondere zwei Effekte, die für Besserung sorgen: Zum einen die Abwanderung junger Menschen und das damit verbundene Absinken der Ar­beits­lo­sen­quo­te. Dieser Effekt ist für die betroffenen Länder selbst höchst pro­ble­ma­tisch, wandern doch in erster Linie die gut ausgebildeten und motivierten Menschen aus. Zum Zweiten sorgt der boomende Tourismus für eine wirtschaftliche Belebung Südeuropas. Viele Touristen haben sich entschieden, ihren Urlaub nicht in der Türkei, Ägypten oder Nordafrika zu verbringen, da es hier in den letzten Monaten immer wieder zu Anschlägen gekommen ist. Diese Entwicklung hat für volle Hotels in Südeuropa gesorgt und ist damit also eher äußeren Umständen geschuldet als eigener Innovation oder Kraft.

 

Abwerten – aber wie?

Eine Besserung der wirtschaftlichen Situation kann nur erzielt werden, wenn der Süden abwertet und so Importe teurer – und Exporte billiger macht. Im Euro kann man aber die Währung nicht abwerten. Alternativ kann man über niedrigere Löhne „intern“ abwerten. Dies führt dann aber zu weiteren Schwierigkeiten, u. a. hohe private Schulden, insbesondere im Immobilienbereich. Schon heute gelingt es vielen Menschen nicht mehr, ihre Hypotheken zu bedienen und die Banken sitzen auf Bergen fauler Kredite. Diese Schwäche der Banken sorgt auch dafür, dass junge und wachstumsstarke Unternehmen oftmals Schwierigkeiten haben, an Kredite zu kommen. So gehen mögliche Wachstumsimpulse verloren.

 

Die soziale Dividende

Deutsch­lands frühere Währung, die D-Mark, hatte regelmäßig aufgewertet, wenn Deutsch­lands Wirtschaft gegenüber internationalen Konkurrenten zu stark wurde. So wurde durch den Marktmechanismus sichergestellt, dass die Arbeitnehmer am Aufschwung teilhatten. Sie bekamen bei gleichem Lohn mehr ausländische Dienst­leis­tun­gen und Waren, wie z.B. preiswerten Urlaub oder günstiges Heizöl. Karl Schiller hat das einst als „Soziale Dividende“ bezeichnet.

Im Euro-System ist den Arbeitnehmern keine Lohnpolitik mehr gelungen, die diesen Mechanismus ausgleicht. Mögliche Gründe sind der Lohndruck durch Zuzug vieler Arbeitskräfte aus der EU und insbesondere Osteuropa oder eine falsche Lohnpolitik der Gewerkschaften, die sich sehr im unteren Lohnbereich engagieren, aber nicht ausreichend für die Facharbeiter. Die Lohnsteigerungen in den letzten Jahren waren zu gering und nach wie vor ist Deutsch­land zu wettbewerbsfähig, sprich zu billig, und exportiert mehr als unsere Handelspartner verkraften. Es ist unwahrscheinlich, dass Deutsch­land für den gewaltigen Überschuss je einen realen Warenwert zurückerhält.

Die „Soziale Dividende“ ist – leider – verlorengegangen.